Zwischen Polarisierung und Zusammenhalt: Eindrücke von den Ulmer Denkanstößen 2026
Im März 2026 haben sich die 19. Ulmer Denkanstöße dem Zusammenspiel von Emotionen und Polarisierung gewidmet. Ausgehend von unterschiedlichen Perspektiven bot die Veranstaltung einen Raum, um darüber nachzudenken, wie Gefühle öffentliche Debatten prägen und wie ein konstruktiver Umgang mit ihnen aussehen kann, der Vertrauen stärkt und Dialog ermöglicht.

Die Diagnose scheint schnell gestellt: Die Gesellschaft ist gespalten. Doch was genau heißt das eigentlich – und inwiefern trifft diese Aussage auf Deutschland zu?Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Ulmer Denkanstöße 2026, die aktuelle Perspektiven auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und seine Herausforderungen zusammenbrachten.

Der Impulsvortrag von Nadja-Raphaela Baer näherte sich dem Thema aus der Perspektive affektiver Polarisierung. Zunächst wurde Polarisierung eingeordnet und ihre aktuelle Ausprägung in Deutschland skizziert – mit besonderem Fokus auf die Folgen affektiver Polarisierung für Dialog- und Kooperationsfähigkeit sowie für das Vertrauen in Mitmenschen und Institutionen. Anschließend wurde ein Einblick in zentrale Fragestellungen, methodische Zugänge und bisherige Erkenntnisse verschiedener Projekte der Einstein Research Unit „Coping with Affective Polarization“ gegeben.

Im anschließenden Panel – moderiert von Eva Wolfangel (Die ZEIT) und gemeinsam mit Leonie Pessara (Demoslam, Werkstatt für Verständigung) und Manuel Stark (NZZ) – wurde die Diskussion lebendig weitergeführt und aus den Perspektiven Wissenschaft, Jorunalismus und der Zivilgesellschaft beleuchtet. Besonders bereichernd waren die zahlreichen Rückfragen und Impulse aus dem Publikum. Im Zentrum standen Fragen danach, wie Vertrauen unter Bedingungen von Polarisierung und emotionalisierten Debatten entstehen oder verloren gehen kann, welche Bedeutung Emotionen in politischen Auseinandersetzungen haben und wie sich gesellschaftliche Konflikte so gestalten lassen, dass sie nicht in Abgrenzung und verhärteten Lagern, sondern in konstruktivem Dialog und Aushandlung münden. Zudem wurde thematisiert, welche Rolle Sprache in der journalistischen und wissenschaftlichen Berichterstattung für die Zuspitzung von Polarisierungsdynamiken spielt und welche Verantwortung damit einhergeht.

Die Diskussionen der Veranstaltung machten deutlich: Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist kein fixer Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess – in dem gegensätzliche Ansichten nebeneinander bestehen können und Dialog, konstruktiver Austausch und Begegnung über Meinungs- und Konfliktlinien hinweg möglich bleiben.

Fotos von Samuel Tschaffon